11 Curation – die neue Wertschöpfung von Verlagen?

Curation – die neue Wertschöpfung von Verlagen?

 

Dr. Harald Henzler, Andreas Wiedmann

Wozu noch ein Verlag?

Alle kratzen heute am Selbstverständnis der Verlage. Distributoren wie Amazon oder Apple erreichen mehr Kunden, Softwareagenturen können multimediale Inhalte viel besser aufbereiten und die Autoren proben im Self-Publishing den Aufstand. Eigentlich bräuchten wir doch nur noch die richtige Suchmaschine, die uns auf Knopfdruck alles zusammenstellt, was wir wissen wollen. Suchalgorithmen statt Verleger.

Die Flut an digitalen Informationen im Netz wächst exponentiell. So wird z.B. derzeit pro Minute 8h Videomaterial allein bei YouTube hoch geladen. Will man sich also nur alle an einem Tag hochgeladenen Videos bei YouTube anschauen, benötigt man ungefähr 14 Monate, 24 Stunden am Tag, 7 Tage  die Woche, kein Feiertag…

 

What happens in an internet minute?

An internet minute – Was entsteht in einer Minute an Daten im Internet? Eine Infografik aus dem Hause Intel

Quelle/Copyright: Intel

 

Die Menge an vorhandenen digitalen Information (Reportagen, Artikel, Nachrichten, Bilder, Filme, Audios, etc.) werden derzeit in Byte-Maßeinheiten bemessen, die vor zwei Jahren noch unvorstellbar schienen und in zwei Jahren fast lächerlich gering wirken werden. Logische Konsequenz: Die schiere Masse an digitalen Informationen beschleunigt den Trend, dass die Orientierung in der Fülle der Informationen noch unübersichtlicher geworden ist. Die Informationen müssen aggregiert, analysiert und nach Relevanz für die jeweilige Zielgruppe bewertet werden.

Über Jahrhunderte waren Verlage die Gatekeeper und haben für ihre Leser die Informationen ausgewählt, bearbeitet, produziert und verteilt. Die Produktion und Verteilung stellen im digitalen Zeitalter nur noch einen Bruchteil der Wertschöpfung dar. Jeder kann sich sein Fotobuch, seinen Roman mit wenig Aufwand selber basteln und über Facebook oder Amazon vermarkten. Auswahl und Bearbeitung dürften angesichts der Masse an Informationen jedoch immer wichtiger werden. Und hier könnten Verlage wieder ins Spiel kommen. Sie sind genau genommen gute Marken, die für eine bestimmte Art der Selektion, Aufbereitung und Vermarktung von Inhalten stehen.

 

Curation: der rote Faden durch die Fülle der Informationen

Curation wird in den USA als Überbegriff für eine neue Ordnung in der digitalen Welt ins Spiel gebracht: So wie ein Ausstellungsmacher aus der Vielzahl an angebotenen Kunstwerken einer Epoche, eines Themas oder eines Künstlers eine Ausstellung „kuratiert“ und die Kunstwerke auswählt und im Ausstellungsraum neu ordnet, einen (neuen) roten Faden spinnt, so  müssen digitale Informationen kuratiert werden, damit sie den interessierten Nutzer erreichen. Dabei kann er zu den bekannten Namen auch noch unbekannte, aber durchaus interessante, neue oder wiederentdeckte Werke hinzufügen.

Auf das Veröffentlichen von Inhalten bezogen heißt dies:

Der Kurator führt durch die vorhandenen Inhalte, indem er sie einordnet und bewertet. Je nach Nutzerinteresse kann er dann idealerweise auch auf die Voraussetzungen und Wünsche des Kunden eingehen. Ein Laie in einem Thema erhält andere Informationen als ein Experte. Das macht Sinn und deshalb müsste das CMS des Kurators auch schon mit den entsprechenden Metadaten versehen sein, damit der Kunde eine entsprechende Trefferliste erhält. Der Kurator ist also ein guter, virtueller Bibliothekar, der uns seine Schätze zeigt.

Neu ist, dass der Nutzer nicht nur schon bekannte Informationen durchsuchen will, schon von Verlagen ausgewähltes und für gut befundenes Wissen. Es gibt ja auch noch Facebook und Co. Es gibt so viel nicht von Verlagen veröffentlichtes Wissen, das durchaus sinnvoll, aktuell und sehr gut sein kann. Es ist nur noch nicht mit den entsprechenden Metadaten versehen, bzw. mit sehr unterschiedlichen.

Hinzu kommt, dass der Nutzer wahrscheinlich auch schon sein eigenes Wissen digital gespeichert hat, der Zettelkasten seines Wissens. Der Kurator wird also drei Bereiche gut miteinander verknüpfen müssen, wenn sein roter Faden von großem Nutzen sein soll:

  1. Das schon bearbeitete und ausgewählte Wissen von Verlagen und anderen Institutionen, die mit ihrer Marke ein Prüfsiegel vergeben haben,
  2. das frei im Internet verfügbare Wissen und
  3. das vom Nutzer selbst angelegte Wissen.

Hier ergibt sich eine neue Aufgabe von Verlagen.

Sie sind nicht mehr alleiniger Gatekeeper und Verteiler von Prüfsiegeln, sondern sie müssen auch ihre Konkurrenten mit aufnehmen. Denn alleine werden sie der Flut der Informationen nicht mehr Herr – und sei die Redaktion noch so umfangreich, noch so gut.

Die Chance liegt auch hier wieder in der Spezialisierung. Wenn es gelingt, sich als Marke für eine bestimmte Zielgruppe zu positionieren, dann wird auch die Vergabe der richtigen Metadaten nicht zu einer nur von Halbgöttern zu bewältigenden Aufgabe, einer Säuberung des Augiasstalles, sondern eine sinnvolle Erweiterung der schon längst vorhandenen Kompetenz. Nämlich zu wissen, was die eigene Zielgruppe wohl eher mag und was weniger.

 

bookRIFF

bookRIFF – eines von vielen Beispielen, bei dem der Inhalt von Verlagen mit dem des Kunden verknüpft wird.

Quelle/Copyright: bookRIFF

 

Curation: die einzelnen Schritte

Curation ist zunächst einmal ein Workflow, der mit Hilfe von entsprechenden Software -Algorithmen digital zu bewältigen ist. Grundsätzlich sind dabei folgende Prozessschritte notwendig (siehe hierzu auch Rüdiger Henrici):

  • Erschaffung von Information: Informationen werden in Verlagen, in deren Content Management Systemen oder in anderer Form bearbeitet – und entstehen täglich in immer größeren Mengen neu im Netz auf Websites, in Blogs, in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder auf Kommunikationsdiensten wie Twitter.
  • Aggregation von Informationen: Diese Informationen müssen durch Software-Algorithmen digital aggregiert werden. Kriterien für die Aggregation können u.a. sein: Zugänglichkeit, Verwendbarkeit, Häufigkeit, Größe, Menge und Bekanntheit.
  • Analyse der Informationen: Die digitale Analyse der aggregierten Informationen identifiziert den Kern, definiert die Metadaten und klärt die Bedeutung (Semantik).
  • Individualisierung der Informationen durch die Bewertung der Relevanz: Abhängig von den gespeicherten „Erfahrungen“ der Relevanz-Algorithmen oder von definierten Voreinstellungen in den Relevanz-Algorithmen, kann auch die Relevanz der Information digital bestimmt werden. Kriterien sind Aktualität, Verortung, Kategorisierung, Sprache oder Semantische Korrelation.

 

Curation Workflow

Curation Workflow – die Wertschöpfung erfolgt bei der Zusammenstellung, der Analyse, der Veredelung und der Wahl des richtigen Ausgabemediums.

 

Welche Information ist für wen relevant?

Während die Aggregation und die Analyse der vorhandenen internen wie externen Informationen durch entsprechende Algorithmen verlässlich automatisiert erfolgen kann, kann die Individualisierung der Information – zugeschnitten auf eine ganz spezielle Zielgruppe – zwar durch entsprechende Relevanz-Systeme digital vorbereitet werden: Am Ende liegt jedoch exakt hier die Wertschöpfung der Verlage.

Die inhaltliche Kategorisierung, die zeitliche Aktualität, die räumliche, inhaltliche und sprachliche Zuordnung der Information sowie die Definition des Bedeutungszusammenhangs ( semantischen Korrelation) zur entsprechenden Zielgruppe wird zwar durch entsprechende Relevanz-Algorithmen aufbereitet – es bedarf aber eben einer finalen, manuellen Einordnung und Überprüfung durch die Verlage.

Denn der Algorithmus kann nur auf das bisherige Nutzerverhalten reagieren und den Nutzer dem folgend etwas anbieten. Er kann aber kaum die inhaltliche Qualität einer Aussage beurteilen. Ironie oder die doppelte Verneinung zum Beispiel sind (heute)  klare Hürden. Der Verlag als Marke mit einer entsprechend klaren Positionierung bei der entsprechenden Zielgruppe definiert den Anspruch an die kuratierte Information.

Die manuelle Überprüfung / Korrektur / Optimierung auf Basis der digital kuratierten Informationen durch erfahrenen Redakteure / Lektor en/ Verlagsmanager bringen dann die letzten Prozente an inhaltlicher Kompetenz, die für die Wertschöpfung des Produktes (i.d.R. durch die Bereitschaft des Kunden, dafür Geld auszugeben) notwendig sind.  Und dazu benötigen sie natürlich ein eigenes CMS mit die richtigen Metadaten.

 

lastFM

lastFM – eines von vielen Beispielen, die aus der Wunschliste des Nutzers und dessen Verhalten ein ihm passendes Angebot, sprich, seinen Radiosender, erstellen und dabei auch auf Neues verweisen können.

Quelle/Copyright: lastFM

 

Vielfältige Ausgabeformate eröffnen mehrfache Verwertungsmöglichkeiten

Abhängig von den Erlösmodellen der so kuratierten Inhalte sind unterschiedliche Ausgabeformate möglich:

  • Eigene Apps und / oder (enhanced) eBooks / eMags können die volle Inhaltstiefe der kuratierten Informationen für die definierte Zielgruppe darstellen (Texte, Bilder, Audio, Video) und können inzwischen auch mit vorgefertigten Templates durch diverse Software-Anbieter relativ preiswert und schnell erstellt werden. Über ein entsprechendes Abo-Modell und / oder Freemium-Modell können die Inhalte dauerhaft bei der Zielgruppe monetarisiert werden.
  • Im Netz verfügbare content curation services wie paper.li, storify, flipboard, curated by, etc. können i.d.R. Teile der kuratierten Informationen sehr einfach der Zielgruppe zur Verfügung stellen – allerdings ohne direkte Monetarisierung.
  • Das klassische Print-Produkt kann – zumindest in den printfähigen Teilen Text und Bild – ebenfalls entwickelt und der Zielgruppe über die klassischen Vertriebswege angeboten werden.

 

Curation – Was ist zu tun?

Im „digital cube“ von smart digits zeigt sich die Aufgabe der Verlage in Bezug auf Curation deutlich: Die Verlage müssen ihre Zielgruppen genau analysieren, das Anforderungsprofil dieser Zielgruppen an Informationen erstellen und sie für das jeweilige Medium passend aufbereiten und zum marktgebotenen Preis anbieten. Und das mit Hilfe der unterschiedlichen Angebote von Softwarefirmen. Das richtige Zusammenspiel von Algorithmen und persönlichem Eingriff durch Lektoren/Redakteure entscheidet über die Güte des Angebots.

Darin liegt die Herausforderung und eben auch die große Überlebenschance für Verlage im Digital Publishing.

digital cube

digital cube von smart digits – Die Aufgaben der Verlage im Bereich Curation.

Quelle/Copyright: smart digits

 

Weiterführende Links:

Die von Rüdiger Henrici betriebene Seite Relevancer stellt die einzelnen Schritte von Curation ausführlich dar und befasst sich mit Neuerungen zum Thema:

http://relevancer.tumblr.com/technology

Bei Journalisten war das Thema vor über einem Jahr ein Trend, als es darum ging, wie die Inhalte aus dem Web gut zusammengestellt werden können. Einen guten Einstieg in das Thema bieten die schon älteren Blogbeitrage von Andreas von Gunten bzw. Sebastian Schürmanns:

http://www.andreasvongunten.com/blog/2010/11/26/content-curation-wo-ein-neuer-hype-ist-sind-auch-neue-tools.html

http://t3n.de/magazin/social-magazines-curation-gegen-info-overkill-226248/1/

Da digitaler Content aus der Sicht von von Gunten nur durch Verlinkung eine Chance hat (http://www.andreasvongunten.com/blog/2011/11/15/das-buch-im-netz.html), zeigt aus seiner Sicht Press Books den richtigen Weg: http://pressbooks.com/wp-signup.php.

Das Problem der Metadaten und der Suche nach den richtigen Inhalten stellt Joachim Leser aus der Sicht des Buchhandels, dem bisher führenden Aggregatoren der gedruckten Bücher, im folgenden Blogbeitrag vor:

http://www.buchreport.de/blog.htm?p=1892

Erstveröffentlichung dieses Textes in: mobile Zeitgeist Special 1/2012 – Digital Publishing

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Curation - die neue Wertschöpfung von Verlagen? Copyright © 2012 by Harald Henzler, Andreas Wiedmann, Fabian Kern. All Rights Reserved.

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