15 Das mitgeteilte Buch – Bücher und social media

Das mitgeteilte Buch – Bücher und social media

 

Dr. Harald Henzler

Zum Roman gehört die Abschottung von der Umwelt beim Lesen. Danach stolpert man wieder in die sogenannte reale Welt, zum dreckigen Geschirr, den Ansprüchen des Partners und den eigenen Ängsten und Wünschen. Zuweilen wandert wohl auch der ein oder andere Satz in die reale Welt. Man denkt im Stillen darüber nach oder diskutiert eifrig mit anderen auf blauen oder roten Sofas. Manchmal versucht man sogar danach zu handeln. Wird das eBook das alles ändern?

Das gedruckte Buch hat zweifelsohne Vorteile.

Und es ist nicht nur der in Feuilletons vielbeschworene Sand, den viele so gerne auch auf dem eigenen Sofa verteilen, um dann vom Urlaub zu schwärmen. Es bietet Reize, die fest im limbischen System verankert sind, die so elementar sind wie der Tritt gegen einen Fußball und das gespannte Netz beim Tor:

Das Buch liegt in der Hand und der Leser besitzt es.

Das Buch riecht und lässt sich befühlen.

Das Buch sagt sofort, wie lange man wohl zum Lesen brauchen wird.

Das Buch setzt einen nicht unter Strom, will den Leser nicht ablenken und sagt nur: Lies mich! Und nichts anderes.

Das Buch ist einzigartig und man hat es immer nur an einen Ort der Welt verlegt.

Das Buch lässt sich nach dem Lesen zuklappen.

Kurzum, das Buch gibt mir die Herrschaft über meine Zeit, gibt mir Besitz, gibt mir einen Anfang und ein Ende.

 

Was also bitte sollen eBooks bieten?

Seit es Bücher gibt, wird auch darüber geredet. Und die Salons unserer Zeit heißen facebook und co. Für die unter uns, die ihre Pinnwand mit Zitaten schmücken wollen, die Gedanken nicht für sich behalten wollen, die die Diskussion und Auseinandersetzung suchen, ist das eBook gar nicht mal so schlecht. Die Textstelle ist gleich markiert und kopiert. Ich muss nicht bis zum nächsten Lesekreis in drei Wochen warten, sondern kann gleich meine Gedanken im Gespräch sortieren. Und muss ich wirklich alleine Joyce und Proust, Hegel und Kant verstehen? Komme ich im Gespräch nicht schneller weiter, unabhängig vom Seminar an der Uni?

Gewichtige Argumente, um Bücher und eBooks gleichermaßen anzubieten. Die Leserschaft ist schließlich heterogen. In den USA ist social media vor allem für neue Firmen die treibende Kraft ist, die angestammten Verlagen die besten Autoren streitig machen wollen. eBooks, so das Argument, könnten durch social media einen Schub bekommen, weil der Austausch über die Inhalte häufig auch auf digitalem Weg erfolgt.

Bei Fachtexten liegt es auf der Hand, dass sie schon deshalb digital sein müssen, weil sie erst so am Arbeitsplatz des Lesers präsent sind. Keiner braucht mehr ein Fachbuch über Lohn- und Gehaltsabrechnung, wenn er für diesen Zweck eine Software benutzt und ihm diese Software auch gleich die Fachinhalte dann einspielt und zur Verfügung stellt, wenn er sie braucht. Anders gesagt: Weil der digitale Arbeitsplatz fast überall Realität ist, werden auch die Fachinformationen in dieser Umgebung aufgenommen.

Bei der Belletristik und Sachbüchern spielt hingegen das Eintauchen in die Sicht des Autors eine größere Rolle und der imaginäre Dialog zwischen Leser und Werk. Und hier halten sich die Vorteile von eBooks und dem gedruckten Buch die Waage. Wenn ich mich aber über das Buch austauschen möchte mit anderen, so sind die großen Plattformen hierfür digital. Wird diese Möglichkeit des Austauschs auch das eBook beflügeln?

Das Berliner start-up readmill will jetzt die Leser derart miteinander vernetzen, dass sie zeitgleich erkennen können, welche Inhalte in eBooks markiert und hervorgehoben werden. Dadurch soll das einsame Lesen “sozial” werden. Nun kann man einigen bissigen Kommentaren hierzu im Internet durchaus folgen, die sagen, dann könne man doch bitte auch gleich jeden Toilettengang “sozial” verträglich gestalten, weil auch dieser Vorgang meist einsam erfolge. Und wichtiger noch, dass schließlich die Interaktion von Autor und Leser vorrangig ist bei Büchern. Und dazu braucht man einfach Ruhe.

Trotz aller berechtigten Skepsis kann man sich aber durchaus Situationen vorstellen, in denen eine derartige Interaktion wünschenswert ist. Über dropbox tauschen wir uns auch mit anderen über Inhalte aus, weil man gemeinsam ein Thema bearbeitet. Eine gemeinsame Analyse von Texten im Rahmen der Forschung oder Lehre kann bereichert werden, wenn die Diskussion um Textstellen über eine gemeinsame Plattform läuft. Ähnlich auch bei Forschungsergebnissen in anderen Fachgebieten. Gemeinsame Referate in der Schule über Klassiker könnten erleichtert werden. Aber es werden wohl eher Nischenangebote sein, bei denen der gemeinsame, genaue Blick auf Inhalte nötig ist. Lovelybooks zeigt, dass gegenwärtig der gemeinsame Austausch vorrangig dort funktioniert, wo eine Fangemeinde die Romangestalten nicht verlassen möchte und das eingebildete Miterleben durch den Austausch mit anderen in die “Wirklichkeit” trägt. Für Verlage und Buchhändler ist es ein wichtiger Weg zur Kundenbindung. Hier kann man seine treuesten Lesern treffen. Aber das Modell funktioniert, weil sie vom Autor geführt werden, weil er die Klammer bildet. Erst durch seine Präsenz im Forum wird das gemeinsame Eintauchen in die fiktive Welt authentisch. Die treibende Kraft ist hier nicht das Bedürfnis nach Austausch mit anderen, sondern die Suche nach Nähe zum schon vorhandenen Kosmos und zum Autor. Das ist der Anlass für Pottermore.

In den USA, so stellt Felicia Pride fest, ist die Nähe zum Autor das Pfund, mit dem die Verlage wuchern können. Die Innovationen sind technologischer Art und werden durch andere getrieben. Aber die Erstellung von Inhalten ist nach wie vor die Kernaufgaben von Verlagen. Oder eben von neu entstehenden Firmen wie open road, byliner oder wattpad, den “Verlagen der Zukunft”. Und die Vermarktung dieser Inhalte auf digitalem Weg ist die wichtigste Pflicht, um diese Autoren zu finden, entwickeln und halten.

Eine “community” und die Nähe zu derselben aufzubauen, kann durch eBooks nochmal an Schwung gewinnen. Oder für die von Interesse sein, die bisher das Thema anderen überlassen haben, weil sie sich nur auf die Distribution von gedruckten Büchern verlassen haben. Buchhandlungen können ihren lokalen Vorteil ausspielen. Belletristikverlage tun gut daran, einmal bei den Fachverlagen zu schauen, wie die ihre Spezialzielgruppen seit Jahren pflegen. Vielleicht finden sich nachahmenswerte Beispiele.

Hier der link zu einem Artikel zu diesem Thema im Spiegel: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,795282,00.html

Hier zum Artikel von Felicia Pride: http://www.pbs.org/mediashift/2011/10/the-book-publishing-industry-of-the-future-its-all-about-content297.html

Und hier der Link zur Autorenfindung bei Harper Collins: http://publishingperspectives.com/2011/11/social-media-sites-new-slush-pile/

Hier zu einem Beitrag von Audrey Watters, der zeigt, wie Amazon, google u.a. social media in ihr Buchangebot integrieren: http://www.pbs.org/mediashift/2011/10/how-social-networks-might-change-the-way-we-read-books304.html

Hier der Link zu Matteo Berlucchi mit seiner Vision vom digitalen Gespräch über Bücher: http://publishingperspectives.com/2011/09/evolution-of-social-reading/

Hier die Einschätzung von Bob Stein über die Vorzüge von social media und Bücher: http://www.buchreport.de/nachrichten/online/online_nachricht/datum/2011/10/11/verlage-ueberlassen-neue-akteuren-das-feld.htm

Und hier ein kluger Kommentar von Leander Wattig, was die Buchhändler mit social media und dem Gespräch über Bücher anfangen sollten: http://www.buchreport.de/blog.htm?p=1771

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Das mitgeteilte Buch - Bücher und social media Copyright © 2012 by Harald Henzler, Andreas Wiedmann, Fabian Kern. All Rights Reserved.

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