19 Wie vermarktet man Apps?

Wie vermarktet man Apps?

 

Dr. Harald Henzler

Eine App machen scheint nicht schwer, sie zu vermarkten dagegen sehr… Bei Apps helfen uns noch keine Erfahrungen wie im Buchmarkt. Ist PR am wichtigsten, die Platzierung im Shop oder doch die Vermarktung über social media? Ist der Erstverkauf entscheidend oder gibt es eine Backlist? Der Markt ist noch zu jung, um schon verlässliche Schlüsse ziehen zu können und so bleibt nach wie vor die Unsicherheit.

10 goldene Regeln

Aber es gibt eine Reihe von guten Richtlinien, die man sich schon mal ansehen kann. Craig Lockwood hat z.B. erst kürzlich zehn wichtige Punkte aufgeführt, die zu berücksichtigen sind, wenn man eine App erfolgreich vermarkten möchte:

  1. Design des App-Icons
  2. internationale Vermarktung durch Übersetzung
  3. eigene Microsite zur Bewerbung
  4. das Flüstern und den Lärm der social media nutzen
  5. Light-Versionen und Bezahlapps
  6. die richtigen Metadaten wählen
  7. optimierte Dateigröße zum schnellen Download
  8. PR
  9. gutes Design und
  10. die richtigen Experten am richtigen Ort.

Die App-Entwickler geben weiter Tipps, aber auch die AppAgency oder weever, um nur einige zu nennen. Manche Entwickler wie z.B. appsfactory bieten neben der Entwicklung noch die Unterstützung zur Vermarktung an. Vor einer Abarbeitung dieser Punkte lohnt es sich jedoch, noch einmal auf Apple selbst zu hören.

Marketing beginnt mit der ersten Idee

Entscheidend ist bei der Produktentwicklung, dass das Marketing bei der Prüfung der Idee beginnt. Das ist nicht neu, aber bei der Softwareentwicklung umso wichtiger, weil viele Weichen bei der Planung gestellt werden und eine Rückkehr einer Neuentwicklung gleichkommt. Apple selbst empfiehlt deshalb nicht zu unrecht den folgenden Merksatz bei der Entwicklung einer App:

What is the differentiator of your solution for your customer?

Ich muss wissen, worin sich mein Produkt von den anderen im Markt unterscheidet.

Ich muss wissen, worin meine Lösung besteht für den Kunden.

Ich muss wissen, wer genau meine Kunden sind.

Daraus lassen sich dann nämlich erst die Folgerungen ziehen für die übliche Klaviatur des Marketings.

Bei der App-Entwicklung ist also die konzeptionelle Vorarbeit genauso entscheidend für den Erfolg wie die gute Durchführung der einzelnen Maßnahmen. Deutlich wird dies schon bei der ersten Empfehlung Lockwoods, das Icon für die App richtig zu gestalten. De gustibus non disputandum – aber trotzdem muss man zu einer Lösung kommen. Wie schon bei der Covergestaltung von Büchern sollte man auch bei der Gestaltung und Auswahl des Icons der App ein methodisch und strategisch sinnvolles Vorgehen mit ästhetischen Kriterien verknüpfen können. Denn ein Icon ist nur dann wirklich gut, wenn es eine ästhetisch gute Lösung ist und zugleich in die Strategie passt. Was heißt das?

Was ist das Ziel?

Wenn die App einen Bezug zum Gesamtprogramm aufweisen soll oder ein Teil einer Serie ist, muss das Icon dies auch zeigen. So sind im Vorfeld die Fragen zu klären, ob der Verlagsname, der Name des Autors oder der Titel im Vordergrund stehen sollen. Und für welche Zielgruppe was relevant ist. Eine App kann ja aus unterschiedlichen Gründen entwickelt worden sein. Sicher ist es nie verkehrt, wenn viel Umsatz generiert wird und das das Hauptziel ist. Dann muss sich das Icon “nur” am App-Markt orientieren und dort bestechen. Manchmal soll aber (auch) die Marke des Verlages oder eines Autors gestärkt werden und Reichweite ist wichtiger. Das könnte dann zu einer ganz anderen Gestaltung des Icons führen. Denn dann spielt die Wiedererkennbarkeit eine Rolle, die Möglichkeit einer Serienentwicklung. Je besser also die oben genannten Fragen zu Beginn gelöst wurden, desto einfacher die spätere Vermarktung.

So machen es die besten

Alle 90 Sekunden kommt eine neue App in den Appstore. Das macht 1000 am Tag. Damit ist die Aufgabe, für Wahrnehmung zu sorgen, noch schwieriger als im überfüllten Buchmarkt. Ein Grund mehr, sich die Benchmarks näher anzusehen. Was wird am meisten genutzt im Appstore? Spiele. Mit was lässt sich im Appstore Geld verdienen? Mit Spielen. Welcher Markt ist deshalb hart umkämpft? Der Spielemarkt. Wer hat im letzten Jahr viele Spiele in die Top-Charts von Apple gebracht? NaturalMotion.

Ein Grund, sich den sehr guten Vortrag von Torsten Reil, dem CEO von NaturalMotion, näher anzusehen. Die Erfahrungen aus der Spielebranche lassen sich problemlos auf andere Branchen übertragen – und ergänzen unseren vorliegenden Artikel zur Vermarktung von Apps sehr gut. Vor allem deshalb, weil Spiele auf dem Smartphone oder iPad nicht gleich zu setzen sind mit Spielen auf der Konsole. So wie ein eBook kein gedrucktes Buch ist.

  1. Einzigartig sein
    Der Ausgangspunkt ist immer wieder Apples Motto “what is the differentiator…”. Es gibt einfach zu viel auf dem Markt. NaturalMotion überzeugt durch die gelungene Wiedergabe von Bewegungen und hat damit schon einmal eine gute Ausgangsbasis.
  2. Gib den Kunden Häppchen
    Niemand will auf dem Smartphone einen Schweinsbraten essen. Dazu reicht die Zeit einfach nicht. Sushi, Witze und kurze Gedichte haben die richtige Länge, um die Wartezeit an der Haltestelle zu verkürzen. Alles was länger dauert, soll in gut verdaubare Happen portioniert werden.
  3. Lass die Spieler zusammen spielen
    Aber lass sie selbst bestimmen, wann. Mobile Endgeräte sind sehr sozial. Aber nur, wenn ihr Besitzer die Zeithoheit behält. Da das Telefonieren ein kommunikativer Akt ist – wir erinnern uns: das Smartphone war früher mal ein Telephon – , ist der Nutzer eines Smartphones geneigt, vieles auf seinem Gerät zu teilen. Und er spielt auch gerne mit anderen. Man muss also die richtige Mischung von Zusammenspiel und Zeitpunkt des Spielens wählen. Denn nicht immer warten die Spieler gleichzeitig auf ihren Bus, in Berlin und Hong Kong.
  4. Definiere die Zielgruppe
    Da viele Spieler auf dem Smartphone und Tablet Gelegenheitsdiebe sind, muss man sich genau überlegen, wie speziell man werden kann, wenn man einen Bestseller landen will. Bestseller sprechen die Masse an. Aber man kann auch Bestseller in einem Nischenmarkt produzieren.
  5. Vereinfache
    In einer Welt der Spezialisten und fehlenden Standards ist nichts offensichtlich. Jeder hat andere Gewohnheiten und einen anderen Blick. Will man ein breites Publikum erreichen, holt man sich am besten Testpersonen, die von den Dingen keine Ahnung haben, um die Bedienbarkeit zu prüfen. Kindermund tut Wahrheit kund.
  6. Lass sie gewinnen
    Schon die Ägypter haben sich über die Nachlässigkeit der Jugend beschwert. Die heutigen Smartphone-Spieler sind auch nicht mehr das, was die Gameboy-Generation noch auszeichnete: Sie beissen sich nicht mehr durch. Wenn sie nicht gleich Erfolgserlebnisse haben, geben sie auf. Es sind halt Gelegenheitsspieler. Ein sehr schönes Bild ist deshalb im Vortrag ab Minute 13.30 zu sehen: Erfolgreich ist das Spiel, wenn man den iPhone-Footballspieler lässig an allen Verteidigern vorbeiziehen lässt als wären diese Synchronschwimmer – und untermauert damit das Ego des Nutzers. Alles andere straft er mit Nichtachtung. Hier zeigt sich einmal mehr: Erkenne Deine Zielgruppe, erkenne ihre Bedürfnisse und glaube nicht, die Leser der Hamburger Ausgabe von Goethes Werken wären dieselben, die seine Venetianischen Epigramme auf dem iPhone goutieren. Sie brauchen den schnellen Kick. Sie sind halt noch jung.
  7. Irgendwann macht es Klick! Bleib solange dran
    Bei aller guten Arbeit, bei allen nützlichen Checklisten von smart digits – wann genau die Verkäufe explodieren, das lässt sich nicht genau vorhersagen. Es mag an einem Detail liegen, das die Kunden überzeugt, an einer anderen Farbgebung eines Reglers, der richtigen Ansprache von Multiplikatoren… ma wees es net.
  8. Wienern, bohnern, polieren
    Erst nach dem letzten Schliff wird Apple nach seiner Meinung gefragt. Es ist wichtig, alle Hausaufgaben zu machen, alle Teststrecken zu fahren, jede kritische Meinung geprüft zu haben. Apple will Qualität.
  9. Tut mir leid. Nochmal wienern, bohnern, polieren
    Es hilft nichts. Ein Tropfen Schweiß geht noch. Erst wenn alle Details sitzen, ist das Gesamterlebnis rund. Diese Erfahrung belegt, dass eine App wie ein Film, eine Theatervorführung, eine musikalische Aufführung erst dann “rund” ist, wenn die Geschichte zur Dramaturgie zum Bühnenbild zu den Schauspielern zum Aufführungsort und den Zuschauern passt. Der Zuschauer ist anspruchsvoll. Er will positiv überrascht werden. Viele Details. Viel Arbeit.
  10. Teste Icon und Name
    Am besten man baut das Icon in eine Seite mit allen möglichen Konkurrenzprodukten. Und lässt dann Kunden wählen. Welches Icon fällt auf? Welches gefällt mir? Welches gefällt den Testpersonen? Bei der Namensgebung ist es genauso. Nutzen Sie Facebook und andere Social Media-Plattformen als Testumgebung.
  11. Weiter verbessern. A oder B?
    Einmal beim Kunden bieten digitale Produkte viele Informationen über die Nutzung. Über A/B-Tests lassen sich ganz einfach die Vorlieben der Kunden erkennen. Das soll man nutzen. Das Bessere ist der Feind des Guten.
  12. Jetzt sollen andere für Dich sprechen
    Stimmt die Qualität, dürfte PR nicht mehr schwer sein. Ist es leider doch. Aber auch wenn man nicht weiß, ob und wenn ja, warum einen Apple empfiehlt – es gibt auch noch andere Stellen, die die App besprechen sollen. Möglichst oft.
  13. Schau mal, was ich hier habe…
    Virales Marketing braucht eines: ein Element, das ich gerne anderen zeige. Dann funktioniert die Spmartphone-zu-Smartphone-Propaganda und jeder zeigt dem anderen beim Bier, was er tolles entdeckt hat.
  14. There will be change
    In einem halben Jahr ist die Lage wieder anders. Sie sollten spätestens dann wieder www.smart-digits.com besuchen und die Überarbeitung dieser Checkliste ansehen. Zumindest bei motion pictures ist man davon überzeugt, dass die hier aufgestellten Regeln der Konkurrenz nicht den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bieten werden. Denn der Markt ist schon wieder weitergezogen.

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Wie vermarktet man Apps? Copyright © 2012 by Harald Henzler, Andreas Wiedmann, Fabian Kern. All Rights Reserved.

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